Russische Handgranaten auf Donezker Restaurant-Tischen für Verhandlungen der Rechnung

Stellvertretend für viele Mitglieder der Ostukrainischen Intelligentsija äußert sich Prof. Natalja Todorowa in einem Interview mit dem Aktivisten Johannes Colpa über ihre Erlebnisse während des Ausbruchs der ‚Separatisten‘-Bewegung in Donezk unter Russischer Planung und Durchführung im Frühjahr 2014 und beurteilt die heutigen Lage der Ukrainischen Gesellschaft sowie die Zukunftsaussichten ihres Landes im Angesicht des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union.  Die 56jährige Philologin promovierte 1987 und wirkte bis zu ihrer Flucht 2014 an der Staatlichen Donezker Techn. Universität, zuletzt in leitender Position einer Hauptabteilung. Ihre Familie musste alles zurücklassen und aufgeben, doch mit ihrem Ehemann, einem Professor für Geschichte, gelang es der Wissenschaftlerin, einen Neuanfang in der Westukraine zu schaffen, der vielen anderen Flüchtlingen versagt blieb. Sie gab bereits auf der Höhe jener dramatischen Ereignisse, noch vor Ort, Interviews für Westliche Nachrichtenagenturen und traf nun in der Weihnachtszeit 2015 mit dem Niederländischen Aktivisten zusammen, um Rückblick zu halten und ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft Ausdruck zu verleihen.

 
(N.Todorova auf akad.Portrait)     (Straßenszene im besetzten Territorium)


1.       Können Sie bitte einen allgemeinen Überblick über Ihre Lebenssituation vor dem Krieg geben?

T:    Vor dem Kriegsbeginn hatte ich seit 30 Jahren eine Anstellung an der größten und ältesten   Universität im Donbas, der Staatlichen Technischen Universität (DonNTU). Ich leitete die Abteilung Internationale Bildungs- und Geschäftskommunikation, worin in der Fakultät 26 Beschäftigte tätig waren, Hauptfächer Fremdsprachen, Pädagogik, Wirtschaft und BWL. Die Abteilung hatte einen guten Ruf für ihr hohes Level der Wissensvermittlung und der internationalen Zusammenarbeit mit Universitäten in den Niederlanden, Deutschland, Frankreich, Spanien und Finnland. Daneben hatte ich an vielen Projekten teilgenommen, die vom Ukrainischen Bildungsministerium, dem British Council und dem American Council im Land betrieben wurden. Dort ging es um Staatliche Unabhängige Testmethoden, Organisation und die Grundlagen für Wirtschaftswissenschaften , das E-Learning des Lehrkörpers.  Mein Ehemann war angestellt als Geschichtsprofessor an der Staatlichen Universität von Donezk (DonNU). Meine ältere Tochter, die mit einem Master-Abschluss in Internationalen Wirtschaftsbeziehungen die Ukrainische Universität beendete und dazu einen Abschluss von einer Westlichen Universität in Wirtschaftscybernetik schaffte, lebt und arbeitet im Ausland. Unsere jüngere Tochter hat sich für Musik als ihre Bestimmung entschlossen, somit erlernte sie das Klavierspiel am örtlichen Musikinstitut, als Beste ihrer Klassenkameraden. Sie gewann Musikwettbewerbe und wollte ihre Studien am Konservatorium fortsetzen. Wir lebten im Stadtzentrum von Donezk, hatten ein schönes Apartment, ein Auto und ein Sommerhaus in Sewastopol auf der Krim. Ich bin auf der Welt viel herumgekommen. Als Familie konnten wir uns für ziemlich arriviert halten.

2.       Haben Sie jemals Separatistenbewegungen in Ihrer Region vor dem Krieg bemerkt?

T:   Niemals. Nie. Im Gegenteil, wir waren stolz darauf dass der Donezker Raum berühmt war für seinen multinationalen Charakter und die Toleranz gegenüber den Ethnien und Sprachen. Wir hatten Griechische und Jüdische Gemeinschaften, die besonders aktiv waren in der Pflege ihrer Sprachen und Kulturen. Objektiv betrachtet sprach die Mehrheit der Leute dort Russisch, aber an Schulen und Universitäten wurde das Ukrainische zur Lehrsprache und die Studenten haben sich leicht daran gewöhnt. Als die Zentralregierung die Maßnahmen einleitete, um die Verbreitung des Ukrainischen zu fördern, gehörten die damit Unzufriedenen hauptsächlich zur älteren Generation, die an ihren Gewohnheiten festhalten wollte. Das ist der natürliche Widerstand zur Veränderung wie sie typisch für ältere Leute ist und wir haben kein Problem damit gesehen. Meine Studenten waren zweisprachig und wechselten leicht von Russisch zu Ukrainisch und umbekehrt. Jedenfalls gab es da diese spezielle Vorstellung des Donbas als einer Region von starken und hart arbeitenden Menschen, einer hochentwickelten Industrie, die die ganze Ukraine ‚ernährt‘. Dieses Bild ist lange von den Behörden gestärkt worden, die Massenmedien haben dieses lokale Identitätsgefühl und den Stolz auf die Region auch unterstützt. Aber das hat immer noch nichts zu tun mit Träumen der Anwohner, sich von der Ukraine abzuspalten, schon gar nicht irgendwie mit Russland [zusammenzugehen]. Nebenbei gesagt lag das Ergebnis des Nationalen Referendums von 1991 zur Ukrainischen Unabhängigkeit in der Donezker Region bei 83,9 Prozent und in Lugansk bei 83,8 Prozent zugunsten der Ukraine als unabhängigem Staat mit ihrem Gebiet als integralem Teil davon.

 

3.       Haben Sie sich an den Maidan Bewegungen beteiligt? Wenn ja - wie haben die Menschen Ihrer Umgebung darauf reagiert?

T:  Ich war äußerst enttäuscht von der Entwicklung im Anschluss an die ‚Orangene‘ Revolution 2004. Ich schaute mit an, wie die korrupten Anführer die Bestrebungen der einfachen Leute, ein besseres Leben zu erreichen, manipulierten und wie die Behörden sie missbrauchten. Da habe ich für mich selbst beschlossen mich da rauszuhalten und niemandem Gelegenheit zu geben mich zu manipulieren.  Aber nachdem die Studenten in Kiew von der Polizei verprügelt wurden für ihre sehr ruhige und friedliche Demonstration, die dem Wunsch der Jugend nach einer Hinwendung zu Europa die Stimme gab, konnte ich nicht länger außen vor bleiben. Als Putin die Ukraine des Faschismus beschuldigte und mit seinen Waffen einzugreifen plante, dachte ich noch, es gäbe vernünftige Leute in der Russischen Regierung. Als dann aber das Russische Parlament einstimmig grünes Licht gab für Putins Militäreinmarsch in die Ukraine, konnte ich nicht länger stillsitzen. Wir hatten einen örtlichen ‚Euromaidan‘ und einige Demonstrationen begannen unsere Unzufriedenheit mit dem Separatismus und der Russischen Aggression auszudrücken. Wir haben uns dazu über die Sozialen Netzwerke verabredet. Ich war stolz darauf, dass meine Studenten unter den aktivsten Organisatoren solcher pro-Ukrainischen Anti-Separatisten Kundgebungen waren. Jedoch sahen wir uns Trupps von bewaffneten Leuten gegenüber, die von außerhalb nach Donezk gebracht worden waren. Die schlugen jeden zusammen, dessen sie habhaft wurden, und machten keinen Unterschied ob sie eine Frau, einen Teenager oder einen Rentner vor sich hatten. Einige Mädchen aus der Kundgebung rannten einmal zu einer Kirche um sich vor den Banditen zu verstecken, die mit Baseballschlägern hinter ihnen her waren. Doch die Bediensteten des Moskauer Patriarchats ließen sie nicht in die Kirche und nannten sie ‚Bandera-Leute‘, weil sie auf Seiten der Ukraine standen [Anmerkung: ‚Banderovtsy‘ oder ‚Bandera-Leute‘ ist aus Russischer Sicht ein abwertender Begriff für nationalistische Ukrainer, mit Verweis auf den OUN-Politiker Stepan Bandera 1909-1959].  Ein junger Aktivist wurde gegen Ende einer der Veranstaltungen erstochen. Die pro-Ukainischen Aktivisten hatten keine Waffen und protestierten friedlich. Die örtliche Polizei griff nicht ein, als sie verprügelt wurden. Die Polzisten standen nur herum und schauten zu. Als ich mich an sie wandte um die Banditen stoppen zu lassen, antworteten sie mir, dass sie keine ‚Befehle‘ dazu hätten.

Da war es kein Wunder dass die Mehrheit der einfachen Leute einfach nur verängstigt war und es vorzog zu Hause zu bleiben und abzuwarten, bis die Behörden oder die persönliche Truppe des Oligarchen Achmetow das Chaos beenden würden, aber das geschah nicht [Anmerkung: Rinat Achmetow (*1966) ist ein Oligarch und Milliardär aus Donezk, der seine Beschäftigten als Miliz einsetzte, als Mafia-Pate des Donbas gilt und der Janukowitsch-Partei nahestand, aber auch Geld fürs Flüchtlingshilfswerk spendete]. Als Ergebnis leerten sich die Straßen der Ein-Millionen-Metropole Donezk jeden Tag gegen 18 Uhr.

Nach diesen gefährlichen Kundgebungen und Aufmärschen, als die Organisatoren eingestehen mussten dass sie nicht länger die Sicherheit der Teilnehmer gewährleisten konnten, verlagerten mein Mann und ich uns darauf, der Welt aus erster Hand mitzuteilen was in der Ukraine los war. Im Zeitraum Februar bis Juni 2014 gaben wir viele Interviews für die Nachrichtenagenturen der Welt.

4.       Wann wurden Sie zuerst konfrontiert mit dem Krieg?

T:  Für mich bedeutet ‚Krieg‘ die Gegenwart von Bewaffneten. Es war ein surrealistisches Erlebnis, ab Mai im Zentrum von Donezk auf einmal Männer in Militärkleidung mit der Kalaschnikow herumlaufen zu sehen mitten unter Stadtbewohnern, die friedlich mit Kleinkindern spazieren, in den Cafés sitzen und ihr Leben weiterführen als wäre nichts geschehen. Wenn Tschetschenische Militärs, mit dem Benehmen als wären sie hier zuhause, in einem Nobelrestaurant auftauchen und eine Handgranate unter der Mütze auf dem Tisch ablegen, diese dann dem Ober zeigen und so ihre Bestellungen machen und die Rechnung besprechen - ist das kein Krieg? Es kamen betrunkene, schäbig aussehende Leute mit dem Gewehr zu einem, redeten mit einem starken Russischen Akzent  und wollten wissen, ob man für die Ukraine wäre oder für die ‚Donezker Volksrepublik‘ (so genannte DNR); das waren die ersten Anzeichen des Krieges.

5.       Welche ersten Anzeichen der Veränderung stellten Sie bei Machtübernahme durch die Separatisten fest?

T:  Zuerst nahmen wir diese Machthaber gar nicht ernst. Wir dachten das wären nur Clowns, wir waren überrascht dass die Behörden ihnen erlaubten sich so aufzuführen. Dann erfuhren wir von Aktivisten, die verschwunden waren und später tot aufgefunden wurden. Wir hörten vom ‚Keller‘, wohin sie die Leute brachten, die entweder pro-Ukrainisch waren oder einfach nur aufgrund einer Verleumdung verhaftet worden waren von ein paar ‚ aufmerksamen Wohlmeinenden‘, und die sie dort folterten, erpressten oder umbrachten; danach deren Eigentum an sich nahmen. Die Stadtbewohner wurden sehr vorsichtig ihre Gedanken und Ansichten mitzuteilen: wer konnte schon wissen wer dich verriet. Die neuen ‚Behörden‘ begannen Vorschriften zu machen, wohin man zu gehen hätte, wie man sich anzuziehen hätte, usw, und ermutigten die Bevölkerung die ‚Feinde‘ der jungen Republik zu verpfeifen. Natürlich hatten sie überall die Russischen Flagge, die Flagge der DNR und der Kommunistischen Partei aufgehängt. Es erschienen alsdann Werbetafeln die Reklame machten für Stalin, Putin und die Sowjetunion.

6.       Was glauben Sie, wie hoch war der Prozentsatz der Leute, die die Separatistenbewegung unterstützten?

T:  Unter meinen Freunden und Kollegen hat niemand die Separatisten unterstützt, da unter diesen keine ‚Führungspersönlichkeiten‘ waren, die eine gebildete Person hätte respektieren oder ihnen Beachtung hätte schenken können. Wir haben ja sonst Umgang mit Leuten die uns ähnlich sind. Die örtlichen Soziologen der Staatlichen Donezker Universität zeigten im März 2014 in ihrer Untersuchung auf, dass nur 30 Prozent der Bewohner eine Idee befürworteten, sich entweder Russland anzuschließen oder eine unabhängige DNR zu haben.

7.       Wann haben Sie sich entschlossen wegzugehen und was war der Hauptgrund dafür?

T:  Eigentlich hatten wir im Juli 2014, als wir Donezk verließen, nicht vor, so lange wegzubleiben. Der letzte Tropfen, der unsere Entscheidung reifen ließ, wegzugehen, war der Anblick der bewaffneten Militärs gleich neben unserem Zuhause. Wir hatten das Glück unsere jüngere Tochter zum Besuch ihrer Schwester ins sichere Ausland schicken zu können. Am 3. Juli nahmen wir die Aufnahmeprüfungen für das Master Studienprogramm ab. Wir mussten mit dem Austragungsort dafür umdisponieren weil das Universitätsgebäude am Tag davor in die Luft gejagt worden war. Wir erfüllten noch die beruflichen Pflichten und reisten dann auf die Krim ab, um in unserem Sommerhaus in Sewastopol bis zum Start des neuen Akademischen Jahres zu bleiben. In der Hoffnung, dass sich das ganze Durcheinander in unserer Heimatstadt bald legen würde, ließen wir alle unsere Dokumente und Besitztümer zuhause zurück. Mitte August dämmerte uns, dass wir kaum zurückkehren könnten, da die Stadt nun unter schwerem Beschuss stand. Die Universitätsgebäude waren zerstört und einige unserer Kollegen an ihrem Arbeitsplatz ums Leben gekommen. Dann war da auch noch ein Student meines Mannes, der von der Separatistenpolizei verhaftet worden war und unter Folter über seine Universitätsdozenten ausplaudern sollte - der bemerkte den Namen meines Mannes in der Liste der Personen, die von den Separatisten verhaftet werden sollten. Da wurde uns klar, daß es keinen Weg zurück für uns mehr gab.

8.       Denken Sie, dass sich das Leben in der Ukraine positiv verändert hat? Wie fühlt sich Ihr Leben derzeit an?

T:  Alles in allem kann ich nicht sagen, dass sich das Leben in der Ukraine zum Positiven verändert hätte. Es ist gut, dass sich die Mehrheit der Leute begonnen hat als Ukrainer zu sehen. Das patriotische Gefühl fand Nährboden und man begann Mitleid zu entwickeln mit denen, die bedürftig waren. Die starke Freiwilligenbewegung hat sich als viel effektiver erwiesen als die Regierung und die Militärverwaltung, deren Aufgabe es ist für die Armee und die Flüchtlinge [aus der ATO-Zone] zu sorgen. Das sind die positiven Veränderungen, die der Krieg mit sich gebracht hat - die Avantgarde der Zivilgesellschaft. Die Soldaten, die das Land verteidigen, und die Freiwilligen, die sie unterstützen, machen das Gewissen der Gesellschaft aus und die gegenwärtigen korrupten Verwaltungsleute können sich daran ein Beispiel nehmen.

Mein Leben sieht jetzt von außen friedlich aus. Ich habe einen anständigen Job, anders als viele meiner Kollegen. Ich habe meinen Status als Professorin verloren und viele berufliche Verbindungen. Ich habe meiner neuen Universität viel zu bieten aber ich fühle mich nicht angenommen. Vielleicht ersparen sie mir die Beanspruchung nach dem ganzen Stress, den ich hatte, oder ich sollte selbst mehr Initiative zeigen. Doch ich bin in Sicherheit, umgeben von sehr guten und aufmerksamen Leuten, wofür ich dankbar bin. Meine Töchter sind beide wohlbehalten. Ich bin nun in der Trans-Karpaten-Region ansässig geworden, wo das Land überreich ist; an Geschichte, eigener Kultur und freigiebigen Menschen. Aber mein Herz blutet, wenn ich von der Anzahl Leute höre, die in der Ostukraine gestorben ist, wenn ich höre von den ruinierten Lebenskonzepten von Freunden und Kollegen. Ich sehe mein Heim in Donezk jede Nacht im Traum und ich habe keine Möglichkeit die Heimatstadt zu besuchen, bis die Region eingenommen wird.

9.       Was erwarten Sie für die Zukunft des besetzten Teils der Ostukraine?

T:  Die Zukunftsaussichten sind sehr unklar, nach meinem Eindruck. Die Mehrheit der örtlichen Elite hat die Region verlassen auf der Suche nach Jobs und Sicherheit für ihre Familien. Es ist kein Geheimnis, dass die gegenwärtige Situation vorteilhaft ist für diejenigen, die auf beiden Seiten an der Macht teilhaben, da sie die Quelle von einer Unmenge Profitmöglichkeiten ist. Wir sehen überhaupt keinen politischen Willen zu einem klaren Standpunkt von Seiten der Ukrainischen Regierung: sie haben dort den Mut nicht aufgebracht, die so genannte ATO mit dem richtigen Namen zu versehen - Krieg. Sie haben sich blind und taub gestellt als die Aktivisten der Krim-Tataren eine klare Position zur Besetzung der Krim von ihnen forderten. Nur zwei Beispiele. Ich glaube, die Zukunft dieser Region wird ähnlich sein zu der von Abchasien oder Transnistrien, was ein Jammer ist. Ich will nicht mal in Erwägung ziehen über eine Aufgabe des Gebietes zu diskutieren, wie manche Leute sagen; wenn sie unabhängig werden wollen, lasst sie gehen und vergesst es. Es ist nunmal so, dass im Donbas immer Menschen gelebt haben und noch leben, für die die Ukrainische Sprache die Muttersprache ist, somit ist es nicht fair sie im Stich zu lassen.

10.   Was denken Sie über die Perspektive des Assoziierungsabkommens der Ukraine mit der Europäischen Union?

T:  Ich glaube fest, dass das Assoziierungsabkommen eine starke Ansage ist für die Ukraine von Seiten der EU. Sie erinnern sich, dass die Ukrainische ‚Revolution der Würde‘ aus den friedlichen pro-Europäischen Kundgebungen der Studenten entstand, welche sich als passionierte Befürworter einer Europäischen Zukunft für sich gezeigt hatten. Viele Ukrainer erwarten bedeutenden Support von Seiten der EU und der USA in unserem Kampf gegen die Russische Aggression, doch die Europäischen Politiker beschränkten sich darauf, ihr ‚tiefes Bedauern‘ auszudrücken. Als Ergebnis ist die Öffentliche Meinung in der Ukraine zum Schluss gekommen, dass die EU gleichgültig ist und die problembehaftete Ukraine nicht als Partner sehen möchte, ganz zu schweigen als Mitglied.  In diesem Zusammenhang ist das Assoziierungsabkommen die Chance für die Ukraine, die Eigenarten der Europäischen Politik zu erfahren, ihrer Wirtschaft, ihrer Zivilgesellschaft, um die Europäischen Werte für sich angewendet zu sehen. Sobald die gewöhnlichen Leute die praktischen Vorteile erleben werden, würde es einfacher für sie, die Europäischen Werte anzunehmen und diesen entsprechend ein  Agieren und das Schaffen der Gesetzesgrundlage von den Regierungsbehörden in der Ukraine einfordern.

11.  Wie fühlt es sich als Ukrainer an, von den Russen ‘Faschist’ genannt zu werden?

T:  Diese Behauptung ist nach meiner Ansicht ein typisches Produkt der Russischen Propaganda und ist ohne Grundlage eines wissenschaftlichen Verständnisses des Wortes ‘Faschismus’, stattdessem fußt der Begriff auf der sowjetischen Stereotype, die bei der alten Generation die Alarmglocken schrillen lässt. Für die Alten ist der Ausdruck ‚Faschist‘ verbunden mit dem Zweiten Weltkrieg, Massenmord, Unterdrückung, Besetzung und überhaupt allem Negativen. Als ich diese Behauptung mit meinen 19 bis 20jährigen Studenten erörtete, die diese Stereotype nicht mehr verinnerlicht haben, fanden sie mit Leichtigkeit logische Gegenargumente dieser Art:

-          ‚Faschismus ist radikaler Nationalismus auf Kosten der Nachbarn‘, doch unter denen, die gegen Separatismus und die Russischen Besatzer im Donbas und auf der Krim kämpfen, gibt es Ukrainische Bürger verschiedenen ethnischen Hintergrunds: Russen, Tataren, Juden, Sinti+Roma, Georgier und andere Minderheiten unseres Landes, die sich stolz selbst ‚Bandera-Leute‘ (Banderovtsy) nennen - ein Begriff, der historisch entstanden ist um radikale Ukrainische Nationalisten zu bezeichnen, in Anlehnung an den Namen des Nationalistenführers Stepan Bandera. Viele unter den Ukrainischen Patrioten bedienen sich der Russischen Sprache als Muttersprache und gebrauchen sie auch jetzt weiter, während sie doch ihr Heimatland Ukraine von der Russischen Invasion gesäubert und in Unabhängigkeit sehen wollen.

-          ‚Faschismus ist die Unterdrückung der Demokratie‘, doch die Revolution von 2013/14 startete wegen des Wunsches der Bevölkerung, die demokratischen Werte in diesem Land gepflegt zu sehen. Sie wollten mitsprechen, wie das Land sich  entwickeln sollte, und dafür sorgen, dass die Korruption in der Regierung bekämpft würde, um eine demokratische gerechte Zukunft für ihre Kinder zu sichern. Und dergleichen mehr.

-          ‚Faschismus ist eine militante Außenpolitik‘, doch niemals in seiner Geschichte hat die Ukraine diesen Standpunkt eingenommen. Im Gegenteil, Anfang 2014 wurde die Krim verloren wegen der Konfliktvermeidung durch die Regierung und ihre naive Erwartung, dass das Land durch internationale Abkommen gesichert sei, weniger durch seine Streitkräfte.

Typisch für die Russischen Propagandamedien ist es, dass sie es nicht für nötig befinden, Beweise heranzubringen für ihre Bezichtigung der Ukrainer als ‚Faschisten‘. Während meiner Reisen durchs Land bin ich nie von oben herab betrachtet worden wegen des Umstandes dass ich Russisch spreche, doch ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie einer meiner Studenten im Frühling 2014 auf dem Leninplatz von Donezk von denen Vertretern der ‚neuen Macht‘ zusammengeschlagen wurde, weil er am Telefon mit seiner Mutter Ukrainisch gesprochen hat. Die lebte in einer kleinen Bergarbeiterstadt der Region und für sie war es die Muttersprache.

Die Russenpropaganda nennt also die Bürger der Ukraine Nationalisten für deren Wunsch, auf ihrem Territorium ihren eigenen unabhängigen Staat zu haben und die Sprache der Eltern zu sprechen, egal ob das jetzt Ukrainisch, Russisch, Hebräisch, Tatar oder eine andere Sprache ist, die von einer der ethnischen Minderheiten im Land benutzt wird. So wurde das die ganze Geschichte hindurch von den Russen gehandhabt gegenüber der Ukraine. Sich selbst gestatten sie aber jeglichen Ultranationalismus mit Selbstverständlichkeit.

12.   Was glauben Sie geschieht in der Ukraine wenn das Assoziierungsabkommen nicht ratifiziert wird?

T:  Ich bin nicht erpicht darauf, ökonomische oder geopolitische Fragen aufzuwerfen, oder darauf, die Resultate eines Nicht-Zustandekommens des Assoziierungsabkommens zu prognostizieren.

13.   Was glauben Sie wird sich unter dem Einfluss der Europäischen Union in der Ukrainischen Gesellschaft ändern?

T:  Ich kann vorhersagen, dass es einen riesigen humanitären Einfluss geben wird. Während der Revolution von 2013/14 zeichnete sich ab, dass die junge gebildete Generation der Ukraine sich Europäischer fühlte als die Mehrheit der EU Bürger. Hier waren die jungen Leute, die sich in der Lage, bereit und willig fühlten das Land neu zu gestalten auf der Grundlage der Europäischen Staaten, was für sie das Vorbild ist für richtige Regierung und öffentliche Verwaltung. Sie träumten nicht länger zu emigrieren; sie wollten den Wandel zuhause haben. Sie sind es, die die Zukunft ihres Landes sind, icht die Rentner, die von der Sowjetunion träumen und von Russland.

Gut organisierte Aufsicht durch die EU ist bereits fühlbar in den gegenwärtigen Veränderungen in diesem Land: die Beamten in der Regierung sind nicht mehr so dreist beim Stehlen und Annehmen von Bestechungen, da sie wissen, dass das Auge der ausländischen Partner auf ihnen ruht. Einige Leute dürften immer noch Illusionen haben, dass die Assoziierung mit der EU alle unsere Probleme lösen würde. Nochmal - es ist die typische fatalistische Haltung der älteren Generation, die an den Oligarchen-Stil in der Regierungsarbeit gewöhnt sind und die nicht glauben, jemals etwas in diesem Land verändern zu können. So kommt es, dass das Assoziierungsabkommen für die Ukraine einer Ermächtigung für jene gleichkommt, die ein besseres Leben und mehr Gerechtigkeit in diesem Land wünschen, als Entwicklungsmaßstab.

14.   Was möchten Sie den Menschen in den Niederlanden mitteilen?

T:  Ich weiß dass die Leute in den Niederlanden Geradlinigkeit und Offenheit schätzen. Unsere Menschen sind ebenso geradeaus und ehrlich, freundlich und freigiebig. Sie schätzen ihre Familien, Freunde, das Heim, Frieden, gegenseitigen Respekt und Unabhängigkeit. Jedoch sind unsere Völker oft durch stärkere Nachbarländer unterdrückt worden. Nach dem Blutvergießen, um sich zu wehren und ihre Heimat zu schützen, waren sie gezwungen aufzugeben. Im Zusammenhang damit lernten sie hart zu arbeiten und geduldig auszuharren. Trotz allem hat es das Ukrainische Volk geschafft seine nationale Kultur und Werte zu bewahren.

Vor fast 25 Jahren wurde die Ukraine ohne jedes Blutvergießen unabhängig. Die Bevölkerung hat dieses Geschenk nicht zu würdigen gewusst. Erst jetzt formieren wir uns geistig als eine unabhängige, verantwortliche Nation. Indem wir unserer Armee helfen das Land zu verteidigen, indem wir Tausende Flüchtlinge retten, indem wir die gegenwärtige Regierung überwachen - durch all das lernen die Leute, dass sie das Leben in diesem Land zum Bessern ändern können. Die wahre Zivilgesellschaft ist entstanden, um das Land trotz der Korruption, den Banditen und Verrätern umzuformen. Obwohl jene immer noch stark sind.

Darum werde ich Sie ,die Bürger der Niederlande, nicht um Ihre Stimme [beim Referendum] für die Ukraine bitten. Sie werden selbst entscheiden, ob Sie Ihre helfende Hand ausstrecken zu einer Nation, die das negative Erbe der Sowjetzeit auf zivilisiertem, gesetzlichen Weg bekämpfen will, die ihre traditionellen Werte hochhalten möchte, welche so ähnlich zu den Ihren sind, und die davon träumt eine bessere Zukunft für ihre Kinder hier in der Ukraine zu sichern, nicht in der Diaspora.

Interviewer: Johannes Colpa. Übersetzt ins Deutsche und kommentiert durch Volker Trauth, Januar 2016

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